Question to the brain

Wie funktioniert der Instinkt?

Questioner: Realschüler, 8. Klasse

Published: 18.11.2018

Manche Handlungen geschehen scheinbar automatisch; sie müssen nicht erlernt werden. Doch wie funktioniert das, und wo ist die Grenze zwischen angeborenem und erlentem Verhalten?

The editor's reply is:

Antwort von Dr. Tobias Zimmermann, Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster:  Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz, Nobelpreisträger und Begründer der klassischen Verhaltensbiologie, haben sich dem Thema Instinkt ausgiebig gewidmet. Beide stimmten darin überein, dass ein Instinkt einen Mechanismus der Verhaltenssteuerung darstellt. Hierbei wird ein angeborener Auslösemechanismus von Schlüsselreizen aus der Umwelt angesprochen und führt dadurch zur Ausführung von bestimmten Verhaltensweisen.

Instinktverhalten zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es ohne vorheriges Erlernen schon bei der erstmaligen Ausführung beherrscht wird und bei Artgenossen in identischen Formen und Abläufen auftritt. Man spricht deshalb auch von angeborenem Verhalten – im Gegensatz zu erlerntem Verhalten. So reagiert bei Silbermöwen der Nachwuchs mit angeborenem Pickverhalten um an Futter zu gelangen, sobald sich die Eltern dem Nest nähern. Der Schlüsselreiz für diese Reaktion ist ein roter Fleck auf dem Schnabel der erwachsenen Tiere. Auch wenn man vollkommen unerfahrenen Jungtieren eine Schnabelattrappe mit unterschiedlich gefärbten Flecken zeigt, bevorzugen sie instinktiv Attrappen mit einer roten Markierung.

Eine klare Grenze zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten lässt sich allerdings nur bedingt ziehen. Denn die angeborene Reaktion auf einen Schlüsselreiz kann in vielen Fällen durch Lernen verändert werden. Wird bei den zuvor erwähnten Silbermöwenküken die Pickreaktion auf eine blaue Schnabelmarkierung dauerhaft belohnt, verschiebt sich die Präferenz schnell zu den blau markierten Attrappen.

Auch im Gehirn scheint keine strikte Trennung zwischen Erlerntem und Angeborenem zu existieren. Die Schaltkreise von Nerven- und Hormonsystemen, die für die Verhaltenssteuerung verantwortlich sind, sind in ihrer Struktur grundsätzlich identisch – egal, ob das Verhalten erlernt oder angeboren ist. Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie variabel eine bestimmte Verhaltensweise in ihrer Form und ihrer Kopplung an bestimmte Außenreize ist.

Es bleibt die spannende Frage, warum manche Verhaltensweisen größtenteils angeboren sind und andere erlernt werden müssen. Ein aktueller Erklärungsansatz besagt, dass angeborene Verhaltensweisen in vielen Fällen ursprünglich auf erlerntes Verhalten zurückgehen. Es wird angenommen, dass epigenetische Faktoren in solch einem Prozess im Laufe der Evolution eine entscheidende Rolle spielen. Epigenetische Veränderungen können Gene und deren Einfluss auf das Verhalten „verstummen“ oder stärker werden lassen, je nachdem in welcher Umwelt ein Organismus lebt und aufwächst.

Solche epigenetischen Informationen können sogar von Eltern auf deren Nachwuchs übertragen werden, um diesen bestmöglich an die natürlichen Gegebenheiten anzupassen. Insgesamt ist davon auszugehen, dass vor allem lebensnotwendige Verhaltensweisen als Anpassung an die natürlichen Umweltbedingungen ohne vorheriges Erlernen ausgeführt werden können und in dieser Form weitervererbt werden. Beispiele hierfür sind solche, die mit Futteraufnahme, Flucht oder Jungenaufzucht in Verbindung stehen.

Aufgezeichnet von Andreas Grasskamp

 

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