Leben mit MS
Multiple Sklerose gilt zu Recht als die „Krankheit der 1000 Gesichter“. Jeder Patient hat unterschiedliche Symptome und damit auch unterschiedliche Probleme im Alltag. Diese müssen sie aber nicht ganz alleine meistern.
Scientific support: Prof. Dr. Alexander Flügel, Prof. Dr. Manuel A. Friese, Prof. Dr. Christoph Heesen, Dr. Sina Rosenkranz
Published: 20.02.2026
Difficulty: intermediate
- Die Symptome der MS unterscheiden sich von Patient zu Patient. Damit ist auch jeder Betroffene mit unterschiedlichen Problemen im Alltag konfrontiert.
- Helfen können Familie und Freunde, aber auch Fremde. Sie können Unterstützung anbieten, wo MS-Patienten die Kraft fehlt oder Treppenstufen die Möglichkeiten einschränken.
- Zur MS zählen auch zahlreiche unsichtbare Symptome, für die im Umfeld oft das Verständnis fehlt. So werden viele Betroffene mit Simulationsvorwürfen konfrontiert – eine unnötige, zusätzliche Belastung.
- Die Betroffenen können selbst einiges unternehmen, um bestimmte Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu steigern. Dazu zählt unter anderem der richtige Umgang mit Stress, Entspannungstechniken, Sport und bestimmte Ernährungsweisen
Geist und Körper beeinflussen sich gegenseitig. Bereits vor 40 Jahren zeigten Studien, dass sich Stress auf das Immunsystem auswirkt. Die bei akuter Gefahr ausgeschütteten Glukokortikoide senken die Anzahl bestimmter Immunzellen im Blut, erhöhen diese aber in der Haut. Damit sind die Immunzellen vermehrt dort vorhanden, wo sie bei Verletzungen gebraucht werden. Langanhaltender, chronischer Stress schwächt jedoch das Immunsystem. Umgekehrt beeinflussen aber auch körperliche Beschwerden die Psyche. So können beispielsweise Entzündungen und Hirnschäden zu depressiven Symptomen führen. Zentrales Nervensystem und Immunsystem kommunizieren über Entzündungsmediatoren und Hormone miteinander. Diese Kommunikation scheint bei der MS gestört zu sein. Dabei ist jedoch unklar, ob dies schon vor der MS so war oder eine Folge der Erkrankung ist.
Hormone
Hormones are chemical messengers in the body. They serve to transmit information between organs and cells, usually slowly, e.g., to regulate blood sugar levels. Many hormones are produced in glandular cells and released into the blood. At their destination, e.g., an organ, they dock at binding sites and trigger processes inside the cell. Hormones have a broader effect than neurotransmitters; they can influence various functions in many cells of the body.
Bei jedem Patienten zeigt die Multiple Sklerose (MS) ein anderes Gesicht. Einerseits gibt es Menschen, die mit dieser Krankheit kaum Probleme haben. Die gefürchteten Schübe treten nur alle paar Jahre auf, danach bilden die neurologischen Ausfälle sich fast vollständig zurück, und über viele Jahre nimmt die Behinderung kaum spürbar zu. So typisch wie individuell verschieden sind aber auch Gaby, Bernd und Heike: Bei allen drei begann es damit, dass sie plötzlich nicht mehr richtig sehen konnten.
Bei Gaby sind die Sehstörungen geblieben. Die 63-jährige mit der roten Brille ist seit über 30 Jahren an MS erkrankt. Sie sieht doppelt, weshalb sie das Autofahren aufgeben musste. „Ich kann mit der MS leben“, erzählt Gaby. „Aber wenn ich ein Kind tot gefahren hätte, weiß ich nicht, ob ich damit hätte leben können.“ Aufgrund der MS spricht sie sehr langsam jedoch deutlich, sodass man ihr gut folgen kann. „Das verdanke ich meiner Logopädin“, sagt Gaby. Jede Woche übt sie mit ihr schwierige Worte.
Der Rollstuhl ist nicht das Ende
Seit circa 10 Jahren sitzt sie nun im Rollstuhl. Ein Schicksal, dass aber längst nicht jeden MS-Patienten ereilt. Gabys Arme sind zu schwach, um die Räder ihres Rollstuhls richtig in Fahrt zu bringen.
Ganz im Gegensatz zum 53-jährigen Bernd: Seit vier Jahren rast er mit seinem Rollstuhl durch die Stadt. „Ich kann noch laufen“, sagt er, stellt sich hin und macht demonstrativ einen Schritt nach vorne. „Aber nur noch 20 bis 50 Meter am Tag. Die muss ich mir gut einteilen.“ Der Rollstuhl gibt ihm einen Teil der Mobilität zurück, die ihm die MS seit fast 30 Jahren nimmt. Ohne ihn könnte er nicht mehr richtig am Leben teilhaben. Mit ihm schafft er beim eigenständigen Einkaufen sogar bis zu 20 Kilometer am Tag.
Nur Treppen bleiben ein Hindernis. Da muss er andere Menschen um Hilfe bitten, was nicht alle wollen oder können. Denn nicht jeder ist in der Lage einen fast zwei Meter großen Mann wie Bernd zu stützen oder weiß, wie man jemandem aus dem Rollstuhl hilft. Hemmungen um Hilfe zu bitten, hat Bernd nicht mehr.
Barrieren in den Köpfen
Zu Fuß ist er trotz alledem manchmal auch unterwegs. „Wenn mich Leute laufen sehen“, erzählt Bernd, „dann heißt es: Guck mal, der hat ’nen Rollstuhl, der kann doch laufen!“ Oder wenn er sein Knie nicht mehr kontrollieren kann und sich ein unsteter Gang abzeichnet: „Dann denken manche, ich wäre besoffen.“ Mit diesen falschen Beurteilungen und Simulationsvorwürfen von Fremden hat er gelernt umzugehen.
Doch auch Freunde verstanden seine Probleme nicht, wendeten sich von ihm ab, bezeichneten ihn als „Dummschwätzer“. So erging es auch Heike – 55 Jahre alt und seit 23 Jahren an MS erkrankt. Sie hat mit einem unsichtbaren MS-Symptom zu kämpfen: der Fatigue. Dabei handelt es sich um einen andauernden körperlichen und psychischen Erschöpfungszustand. „Es haben sich Freunde von mir abgewandt, weil ich es nicht geschafft habe, auf deren Feier zu kommen“, erzählt Heike. „Sie haben es nicht verstanden, auch wenn ich es fünfmal erklärt habe.“ Dies obwohl z.B. im deutschen MS-Register die Fatigue mit 58 Prozent das häufigste Symptom war und bereits bei 31 Prozent der Patientinnen und Patienten innerhalb der ersten zwei Jahre auftrat.
Alltag mit MS
Die Fatigue beeinflusst Heikes Alltag enorm. Um ihn zu schaffen, betreibt sie „Energiemanagement“, wie sie es nennt. Sie muss ihren Tag ganz genau planen, darf sich nur maximal zwei Termine vornehmen. Am Tag des Interviews durfte sonst nichts mehr in ihrem Kalender stehen, sonst hätte Heike es nicht geschafft. Hausarbeiten kann sie erledigen, aber nur in Etappen. Sie braucht ganz viele Pausen dazwischen, in denen sie sich hinlegen muss. Sitzen reicht dann nicht aus. „Und wenn gar nichts mehr geht, bleibt es halt bis zum nächsten Tag liegen“, erzählt Heike.
Dafür hat ihre Familie zum Glück Verständnis: Wenn die Einkäufe nicht ausgepackt sind oder nach dem Kochen ein Schlachtfeld in der Küche herrscht, ist niemand böse oder genervt. Sie wissen, dass Heike nicht faul ist – ihr fehlt schlicht die Kraft dazu. Das Verständnis und die Unterstützung ihrer Familie ist nicht nur für Heike wichtig. Wie eine Studie zeigte, hat die vorhandene soziale Unterstützung einen starken Einfluss auf die Lebensqualität von MS-Patienten.
Viel diskutiert wird die Rolle der Ernährung. Eine wissenschaftlich belegte MS-Diät, die Verlauf oder Symptomatik beeinflusst, gibt es (noch) nicht. Deshalb wird MS-Patienten, wie allen anderen auch, in der Regel eine gesunde, vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung empfohlen. Es gibt auch zahlreiche Ratgeber, die etwa bestimmte Vitamine und Omega-3-Fettsäuren empfehlen – jedoch ohne harte Beweise. Heike hat festgestellt, dass ihr eine Low-Carb-Diät gegen die Fatigue hilft. „Plötzlich hatte ich etwas mehr Energie“, erzählt sie – auch wenn die Fachgesellschaften noch nicht genug Hinweise für eine Empfehlung sehen. Und bei Heikes Gedächtnisproblemen hilft ihre Diät leider nicht. Sie muss sich alles notieren, um es nicht zu vergessen.
Arbeiten mit MS
Aufgrund der Fatigue wurde Heike auch frühzeitig berentet. Sie war Erzieherin und hat es zum Schluss nicht mehr geschafft, 25 Kindern die Schuhe zu binden. Ihre damalige Chefin hat ihr zwar durch unterschiedliche Maßnahmen den Arbeitsalltag erleichtert. Doch irgendwann half auch das nicht mehr.
Auch Bernd ging infolge der MS frühzeitig in Rente und konnte beruflich nie richtig Fuß fassen. Oft wurde er gar nicht erst eingestellt, nachdem der potenzielle neue Chef von seiner Erkrankung erfuhr – ein Anruf beim ehemaligen Arbeitgeber genügte. Oder ihm wurde noch in der Probezeit gekündigt, nachdem er wieder einen MS-Schub gehabt hatte und somit für längere Zeit ausfiel.
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Psychische Belastung
„Das hat mich ziemlich depressiv gemacht“, erzählt Bernd. „Denn ich kam vom Negativen ins Negative.“ Der nächste Schub, eine weitere Job-Absage, die Trennung von seiner damaligen Frau und dazu noch die psychische Belastung des ungewissen MS-Verlaufs. Von der Situation überfordert, fing er an, Alkohol zu trinken. „Irgendwann habe ich mich selbst nicht wieder erkannt und gesagt: Stopp, so kann es nicht weitergehen“, erzählt er. So kam er zu einer psychologischen Beratung. „Die hat mir gezeigt, dass nur ich selbst mir helfen kann“, so Bernd.
Und das tat er auch. Er hörte mit dem Trinken und Rauchen auf und begann, seinen Körper wieder zu fordern. Der frühere Leistungssportler ging wieder joggen. Als die Schübe seine Gehfähigkeit immer weiter einschränkten, versuchte er, jeden Tag ein bisschen weiter zu gehen und sich mit kleinen Erfolgen selbst zu motivieren. „So habe ich versucht das Zepter über meinen Körper wieder zu erlangen“, erläutert Bernd.
Durch die sportliche Betätigung baute er seine mit jedem MS-Schub reduzierte Muskulatur wieder auf. Sport kann zudem Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme und sogar die Fatigue mildern. Denn dabei werden so genannte neurotrophe Faktoren ausgeschüttet, welche die Verbindungen zwischen Nervenzellen stärken und neue Zellen wachsen lassen.
Stress managen
Den Zusammenhang zwischen starkem Stress wie zum Beispiel durch belastende Lebensereignisse und MS haben zahlreiche Studien untersucht. Er scheint aber weniger eindeutig zu sein als gemeinhin angenommen. „Zusammengenommen deuten Studien auf einen geringen bis moderaten Einfluss psychischer Stressoren auf Krankheitsbeginn, entzündliche Aktivität und Krankheitsprogression der MS hin“, fand eine Zusammenfassung von 30 Studien mit fast 25.000 Patienten. Eine klinische Studie mit 121 Patienten reklamierte dagegen bereits im Jahr 2012, dass ein aktiver Umgang mit Stress zu weniger Läsionen führen könne. Die vermeintliche Pause im Krankheitsgeschehen dauerte aber nur ein halbes Jahr und die Autoren mussten einräumen, dass es keinen klinischen Nutzen ihres Anti-Stress-Programmes gab.
Gaby, Bernd und Heike haben ihren eigenen Weg gefunden, mit der MS umzugehen. Vor allem haben sie ihr Schicksal akzeptiert. Ein Rezept für den Umgang mit MS kann keiner von ihnen ausstellen. „Was bei dem einen hilft, bringt beim anderen nichts“, sagt Bernd noch zum Abschied, bevor er mit seinem Rollstuhl davon rast.
Zum Weiterlesen:
- von Drathen S et al.: Stress and Multiple sclerosis - Systematic review and meta-analysis of the association with disease onset, relapse risk and disability progression. Brain Behav Immun. 2024 Aug;120:620-62 doi: 10.1016/j.bbi.2024.06.004 (zum Abstract)
- Taylor P, Dorstyn DS, Prior E. Stress management interventions for multiple sclerosis: A meta-analysis of randomized controlled trials. J Health Psychol. 2020;25(2):266-279. doi:10.1177/1359105319860185 (zum Abstract)
- Kern S, Ziemssen T. Brain-immune communication psychoneuroimmunology of multiple sclerosis. Mult Scler. 2008;14(1):6-21 doi:10.1177/1352458507079657 (zum Abstract).
Multiple sclerosis
encephalomyelitis disseminata
A common neurological disease that predominantly occurs in young adults. For reasons that are still unclear, the body's own cells attack and destroy the myelin sheaths of nerve cells. This can happen throughout the central nervous system, which is why two different multiple sclerosis patients can suffer from very different symptoms. Common symptoms include visual disturbances, numbness in the arms and legs, but also coordination problems, muscle weakness, and bladder problems.
Erstveröffentlichung am 13. Juni 2017
Letzte Aktualisierung am 20. Februar 2026