Sucht – Motivation zu schlechten Zielen
Essen, Arbeiten, Fortpflanzen: Ohne das Belohnungszentrum des Gehirns würde der Mensch wohl so gut wie gar nichts machen. Die Mechanismen der Motivation haben aber einen ungesunden Nebeneffekt: Sie sind auch Grund für unsere Suchtanfälligkeit.
Scientific support: Prof. Dr. Rainer Spanagel
Published: 12.02.2018
Difficulty: intermediate
- Sucht ist eine Störung des Belohnungssystems im Gehirn.
- Drogen setzen direkt im Gehirn an und führen dort zu einer Steigerung der Dopamin-Ausschüttung.
- Auch Erfolgserlebnisse bei der Arbeit, in Computerspielen oder beim Glücksspiel können das Belohnungssystem aktivieren und süchtig machen.
Jeden Tag stehen wir auf, frühstücken, gehen zur Arbeit. Warum eigentlich? Warum tun wir überhaupt irgendetwas? Wir könnten ja auch den ganzen Tag faul in der Sonne liegen. Stattdessen mühen wir uns ab, Tag für Tag. Wir essen, wir trinken, wir pflanzen uns fort. Was treibt uns dazu? Die Antwort der Hirnforschung ist schlicht, aber bestechend: Weil diese Tätigkeiten im Gehirn unser „Lustzentrum“ aktivieren, den Nucleus accumbens.
Dieser Knubbel von Nervenzellen tief in unserem Vorderhirn ist der Sitz des menschlichen Belohnungssystems. Es wird von Zellen im ventralen Tegmentum, einer Struktur im Mittelhirn, mit dem Botenstoff Dopamin stimuliert. Hat der Botenstoff an den Rezeptor des Nucleus accumbens angedockt, sendet dieser Erregungspotenziale an andere Gehirnstrukturen, welche dann Zufriedenheit und Freude auslösen.
Aktiviert wird das Belohnungssystem durch alle möglichen Reize: Ein Drei-Gänge-Menü beim Italiener, ein heißes Date oder Sex verursachen zum Beispiel ein Glücksgefühl, aber auch Sport oder das Lächeln des eigenen Babys. Auf diese Weise werden wir angespornt, bestimmte Dinge ständig zu wiederholen. Entwickelt hat sich dieser Mechanismus wahrscheinlich, um uns zur Selbsterhaltung zu motivieren.
Das Belohnungssystem ist nicht nur beim Menschen vorhanden. Selbst der sehr einfach gestrickte Fadenwurm Caenorhabditis elegans, Lieblings-Labortier vieler Forscher, hat ein rudimentäres Motivationssystem. Zerstören Wissenschaftler bei dem Wurm nur eine Handvoll Nervenzellen, die Dopamin ausschütten, macht das Tier für eine Bakterienmahlzeit keinen Umweg mehr. Und wer seinem Hund einen neuen Trick beibringt, indem er ihm für jedes erfolgreiche Kunststück einen Bissen zu essen gibt, der nutzt ebenfalls die Belohnungsmechanismen des Nucleus accumbens.
Nucleus
In cell biology, the nucleus in a cell is the cell nucleus, which contains the chromosomes, among other things. In neuroanatomy, the nucleus in the nervous system refers to a collection of cell bodies – known as gray matter in the central nervous system and ganglia in the peripheral nervous system.
Nucleus accumbens
The nucleus accumbens is a nucleus in the basal ganglia that receives dopaminergic (dopamine-responsive) inputs from the ventral tegmental area. It is associated with reward and attention, but also with addiction. In pain processing, it is involved in motivational aspects of pain (reward, pain reduction) and in the effect of placebos.
Drogen als fatale Abkürzung
Der Mensch hat allerdings gelernt, den Weg zur neuronalen Belohnung abzukürzen: mit Zigaretten, Alkohol, einem Zug an der Crackpfeife oder einer Dosis Heroin, die er sich in die Venen spritzt. Die Drogen greifen auf unterschiedliche Weise in die komplexen Mechanismen des Lustzentrums ein. Kokain zum Beispiel hemmt direkt ein Dopamintransportersystem und führt so zu gesteigerten Transmitterspiegel im synaptischen Spalt.
Am Ende haben alle Drogen stets denselben Effekt: Die Zellen im Nucleus accumbens, die Dopamin-Rezeptoren auf ihrer Oberfläche haben, werden stärker und länger aktiviert – und das Gehirn signalisiert: Belohnung. Weil Drogen unser Lustzentrum auf diese Art und Weise bis zu zehn Mal intensiver stimulieren als etwa Essen, sind sie ein mächtiger Motivator.
Dass das bei Tieren ganz genauso funktioniert, haben Forscher schon vor 50 Jahren bewiesen: Sie gaben Ratten die Möglichkeit, per Hebeldruck Drogen direkt ins Blut zu injizieren. Die Ratten hatten auch noch zwei weitere Hebel im Käfig. Einer führte zur Infusion einer Salzlösung, mit einem dritten konnten sie Futter „bestellen“. Schon nach kurzer Zeit waren die Tiere süchtig, gaben sich je nach Versuch immer mehr Heroin, Kokain, Amphetamin.
Irgendwann nahm die Sucht so überhand, dass die Ratten nicht einmal mehr fraßen, manche starben an Unterernährung. Tiere, deren Nucleus accumbens geschädigt war, lernten dieses Suchtverhalten nicht. Waren aber nur die Zellen geschädigt, die ohnehin nicht auf Dopamin reagieren, entwickelten die Tiere dennoch eine Sucht – ein eindeutiger Beweis für die Beteiligung des Botenstoffs an der Abhängigkeit.
Nucleus
In cell biology, the nucleus in a cell is the cell nucleus, which contains the chromosomes, among other things. In neuroanatomy, the nucleus in the nervous system refers to a collection of cell bodies – known as gray matter in the central nervous system and ganglia in the peripheral nervous system.
Nucleus accumbens
The nucleus accumbens is a nucleus in the basal ganglia that receives dopaminergic (dopamine-responsive) inputs from the ventral tegmental area. It is associated with reward and attention, but also with addiction. In pain processing, it is involved in motivational aspects of pain (reward, pain reduction) and in the effect of placebos.
Sucht – eine Hirnkrankheit
Die Sucht hat auch auf neuronaler Ebene einen hohen Preis. Der Rest des Gehirns ordnet sich dem veränderten Belohnungssystem unter und der Abhängige beschäftigt sich nur noch damit, wie er die nächste Dosis seiner Droge beschafft. Freunde, Familie, Karriere treten in den Hintergrund. Gleichzeitig stellt sich ein fataler Nebeneffekt ein: Die Dosis muss häufig weiter erhöht werden, um denselben Effekt zu erzielen. Der Grund: Das Belohnungssystem stumpft ab und muss mit immer größeren Mengen der jeweiligen Substanz wieder wachgerüttelt werden. Der Abhängige gerät in eine zerstörerische Spirale, die ihn wie in einem Strudel hinabzieht.
Die enge Verknüpfung von Drogen und Belohnungssystem lässt sich auch mit bildgebenden Verfahren zeigen: Im Hirnscanner leuchtet bei einem Kokainabhängigen der Nucleus accumbens schon auf, wenn ihm seine Droge nur angeboten wird. Oder wenn er ein Video sieht, in dem jemand Kokain zu sich nimmt.
Drogen sind aber bei weitem nicht die einzigen Suchterreger. Zwanghafte Glücksspieler, denen Bilder eines einarmigen Banditen gezeigt werden, zeigen dieselbe Aktivierung im Nucleus accumbens. Und auch Arbeit, Sport, Computerspiele und das Internet haben Suchtpotential. Denn was im Gehirn eine Belohnung auslösen kann, birgt stets auch die Gefahr, abhängig zu machen. Das ist die fatale Nebenwirkung der Motivation: Eigentlich ist sie lebenswichtig. Doch wenn der Mensch lernt, das Motivationszentrum immer stärker zu stimulieren, kann er abhängig werden – mit langfristigen Folgen für das ganze Gehirn.
Denn inzwischen wissen Forscher, dass der Nucleus accumbens nicht die einzige Hirnregion ist, die bei Sucht eine Rolle spielt: Die Amygdala ist wichtig für die emotionale Färbung der Erinnerung, der Hippocampus dafür, dass überhaupt eine Erinnerung abgelegt wird. Auch in diesen Regionen zeigen Drogenabhängige Veränderungen. Das erklärt, warum sie auch nach Jahren, in denen sie „clean“ waren, bei Stress oder durch eine einfache Erinnerung rückfällig werden können.
„Abhängigkeit ist eine Hirnkrankheit“, formuliert es Alan Leshner, langjähriger Chef des staatlichen Instituts für Drogenmissbrauch in den USA. Aber wie so viele Krankheiten hat die Sucht dazu beigetragen, dass Forscher lebenswichtige Mechanismen besser verstehen – in diesem Fall die Motivation und die Frage, warum wir uns für die unterschiedlichsten Dinge anstrengen.
Nucleus
In cell biology, the nucleus in a cell is the cell nucleus, which contains the chromosomes, among other things. In neuroanatomy, the nucleus in the nervous system refers to a collection of cell bodies – known as gray matter in the central nervous system and ganglia in the peripheral nervous system.
Nucleus accumbens
The nucleus accumbens is a nucleus in the basal ganglia that receives dopaminergic (dopamine-responsive) inputs from the ventral tegmental area. It is associated with reward and attention, but also with addiction. In pain processing, it is involved in motivational aspects of pain (reward, pain reduction) and in the effect of placebos.
Motivation
A motive is a reason. When this motive takes effect, the living being feels motivation – it strives to satisfy its need. For example, for food, protection, or reproduction. Motivation can be intrinsic (from within, e.g., curiosity) or extrinsic (from outside, e.g., reward).
Amygdala
corpus amygdaloideum
An important core area in the temporal lobe that is associated with emotions: it evaluates the emotional content of a situation and reacts particularly to threats. In this context, it is also activated by pain stimuli and plays an important role in the emotional evaluation of sensory stimuli. Inaddition, it is involved in linking emotions with memories, emotional learning ability, and social behavior. The amygdala is part of the limbic system.
Hippocampus
The hippocampus is the largest part of the archicortex and an area in the temporal lobe. It is also an important part of the limbic system. Functionally, it is involved in memory processes, but also in spatial orientation and learning. It comprises the subiculum, the dentate gyrus, and the Ammon's horn with its four fields CA1-CA4.
Changes in the structure of the hippocampus due to stress are associated with chronic pain. The hippocampus also plays an important role in the amplification of pain through anxiety.
Veröffentlichung: am 15.08.2011
Aktualisierung: am 12.02.2018

