Gottesfürchtige Gehirnwindungen und affige Überschriften

Diese Woche blickt der Hirnscanner im Zorn zurück und wundert sich über lesende Paviane. Außerdem sucht er Gott im Gehirn.

Published: 24.04.2012

Vor kurzem hat eine Kollegin den Hirnscanner darauf aufmerksam gemacht, dass immer weniger Wissenschaftsjournalisten sich die Mühe machen, eine zweite oder gar dritte Meinung einzuholen. Natürlich ist nicht in jeder kurzen Meldung Platz dafür. Aber eine längere Nachricht sollte nicht nur die Ergebnisse einer Veröffentlichung referieren, sondern sie auch von anderen Experten einschätzen lassen.

Glücklose Berichte vom glücklichen Altern

Bei den Berichten über eine Studie zum Altern, die in der vergangenen Woche in „Science“ erschien, war das leider gar nicht der Fall. Sämtliche deutsche Medien, die der Hirnscanner sich angeguckt hat, verließen sich alleine auf die Zitate der Forscherin Stefanie Brassen, die die Studie geleitet hatte.

Die Geschichte war spannend: Gesunde ältere Menschen bedauerten ihre Entscheidungen bei einem Glücksspiel weniger als ältere Menschen mit Depressionen oder junge Menschen. Die Schlussfolgerung der Forscher: Der Schlüssel zu gesundem Altern ist es, sich über vergangene Entscheidungen nicht zu ärgern – beziehungsweise diese Gefühle zu unterdrücken. Das ist eine These – und der Hirnscanner hätte gerne gewusst, wie andere Altersforscher dazu stehen. Das blieb ihm leider verwehrt.

Eines der Probleme bei solchem Ein-​Quellen-​Journalismus: Die Thesen der jeweiligen Forscher und das, was sie tatsächlich in ihrer Studie empirisch beweisen konnten, verschwimmen miteinander. So auch in diesem Fall. Die Studie gibt keinen Hinweis darauf, warum gesündere ältere Menschen weniger bedauern. In vielen journalistischen Artikeln klingt es aber, als seien Brassens Theorien dazu durch ihre Experimente bewiesen. Einzig der „Scientific American“ lässt mit Carsten Wrosch eine andere Stimme zu Wort kommen.

Man darf sich fragen, wozu man überhaupt noch Wissenschaftsjournalisten braucht, wenn sie nichts anderes machen, als die Quelle einer Pressemitteilung zu nutzen. Greifen solche Methoden weiter um sich, laufen wir Journalisten Gefahr, uns überflüssig zu machen, findet der Hirnscanner.

Depression

Depression/-/depression

Phasenhaft auftretende psychische Erkrankung, deren Hauptsymptome die traurige Verstimmung sowie der Verlust von Freude, Antrieb und Interesse sind.

Ein Wort zum Ort

Eine Erkenntnis des Hirnscanners aus dieser Woche: Forschungsergebnisse ohne klare Ortsangabe haben es in den Medien schwerer. Die meisten Zeitungsleser könnten vermutlich weder die Amygdala noch die Hypophyse lokalisieren. Würde eine Arbeit aber zeigen, dass dort etwa der Sitz spiritueller Erfahrungen ist, würde darüber sicher weit und breit berichtet. Denn darauf reduzieren sich Neuronachrichten häufig, etwa die Suche nach dem Sitz des Gottesglaubens im Gehirn: In welcher Furche könnte die Gottesfurcht stecken, in welcher Windung religiöser Wahn?

Nun haben Forscher der Universität von Missouri festgestellt, dass Menschen mit einer Verletzung im rechten Parietallappen sich einer höheren Macht umso näher fühlen, je größer die Verletzung ist. Zugleich stellten sie fest, dass die Aktivität im Frontallappen damit korreliert, wie häufig Menschen zum Gottesdienst gehen. Offenbar seien verschiedene Bereiche des Gehirns an spirituellen Erfahrungen beteiligt, folgern die Forscher. Über die Studie, die allerdings auch im wenig bekannten „International Journal of the Psychology of Religion“ erschien, wurde aber leider kaum berichtet.

Amygdala

Amygdala/Corpus amygdaloideum/amygdala

Ein wichtiges Kerngebiet im Temporallappen, welches mit Emotionen in Verbindung gebracht wird: es bewertet den emotionalen Gehalt einer Situation und reagiert besonders auf Bedrohung. In diesem Zusammenhang wird sie auch durch Schmerzreize aktiviert und spielt eine wichtige Rolle in der emotionalen Bewertung sensorischer Reize. Die Amygdala – zu Deutsch Mandelkern – wird zum limbischen System gezählt.

Hypophyse

Hypophyse/-/pituitary gland

Die Hypophyse ist eine wichtige Drüse im Körper. Sie hängt wie ein Tropfen unterhalb des Hypothalamus und ist nicht größer als eine Erbse. Die Hypophyse besteht aus zwei Teilen, dem Hypophysenvorderlappen (Adenohypophyse) und dem Hypophysenhinterlappen (Neurohypophyse). Die Hypophyse ist der einzige Bereich des Zentralen Nervensystems, bei dem die Blut-​Hirn-​Schranke nicht wirksam ist.

Parietallappen

Parietallappen/Lobus parietalis/parietal lobe

Wird auch Scheitellappen genannt und ist einer der vier großen Lappen der Großhirnrinde. Er liegt hinter dem Frontal– und oberhalb des Occipitallappens. In seinem vorderen Bereich finden somatosensorische Prozesse statt, im hinteren werden sensorische Informationen integriert, wodurch eine Handhabung von Objekten und die Orientierung im Raum ermöglicht werden.

Frontallappen

Frontallappen/Lobus frontalis/frontal lobe

Der frontale Cortex ist der größte der vier Lappen der Großhirnrinde und entsprechend umfassend sind seine Funktionen. Der vordere Bereich, der so genannte präfrontale Cortex, ist für komplexe Handlungsplanung (so genannte Exekutivfunktionen) verantwortlich, die auch unsere Persönlichkeit prägt. Seine Entwicklung (Myelinisierung) braucht bis zu 30 Jahren und ist selbst dann noch nicht ganz abgeschlossen. Weitere wichtige Bestandteile des frontalen Cortex sind das Broca-​Areal, welches unser sprachliches Ausdrucksvermögen steuert, sowie der primäre Motorcortex, der Bewegungsimpulse in den gesamten Körper aussendet.

Von Wörtern und Überschriften

Eine andere Meldung aber schaffte es in fast alle Medien – und zeigte deutlich wie selten die Unterschiede zwischen deutschem und US-​amerikanischem Wissenschaftsjournalismus auf: „No-​one is exactly using the words ‚reading’ and ‚baboons’ in the same sentence“, beginnt ein Artikel in der „Chicago Tribune“, zu Deutsch etwa: „Niemand nutzt tatsächlich die Wörter „Lesen“ und „Paviane“ in demselben Satz“. Der Text berichtet von einer Studie, der zufolge Affen lernen können, echte Wörter von Nonsense-​Silben zu unterscheiden.

Niemand? Tatsächlich vermeiden alle großen US-​amerikanischen Medien das Wort „lesen“ in der Überschrift. Und in Deutschland? Das „Hamburger Abendblatt“ titelt „Wie Affen lesen lernen“. „N24“ behauptet: „Affen können lesen“. Und „Stern​.de“ scheint sich mit der Überschrift selbst ein wenig unwohl zu fühlen: „Affen können lesen — ein bisschen“, behauptet das Online-​Portal. Ähnlich verfährt „Spiegel Online“: „Paviane lernen ein bisschen lesen“.

Kurz zu den Fakten: Den Affen wurden über Wochen englische Wörter beigebracht. Hinterher wurden ihnen echte Wörter (auch solche, die sie nicht kannten) und unsinnige Buchstabenkombinationen gezeigt. Die Affen mussten entscheiden, was ein wirkliches Wort war. Dabei lagen sie mit einer Trefferquote von 75 Prozent deutlich über dem Zufall. Nach Ansicht der Forscher hatten die Paviane gelernt, dass bestimmte Buchstabenkombinationen in echten Wörtern nicht vorkommen.

Direkter Weg zur Volksverdummung

Klar: Eine Überschrift muss verkürzen und soll auch zuspitzen. Aber dass Affen Wörter erkennen können, ist doch aufregend genug. Statt dessen: Übertreibung, die geradewegs zur Volksverdummung führt. Nach dem Motto „Haben Forscher nicht letztens bewiesen, dass Affen lesen können? – Ja, stimmt. Sowas stand auch im Stern.“ Ärgerlich ist übrigens auch diese Überschrift von AFP: „Französische Forscher bringen Affen Lesen bei“. Denn der Clou der Geschichte war eben, dass die Affen oft auch unbekannte Wörter von Nonsense-​Silben unterscheiden konnten – sonst hätte man auch vermuten können, die Tiere hätten einfach nur Zeichen auswendig gelernt.

Zum Glück gab es auch andere Überschriften: „Paviane erkennen Wörter“ (Tagesspiegel), „Dan ist Meister der Rechtschreibung“ (Kölner Stadt-​Anzeiger), „Affen beherrschen Vorstufe des Lesens“ (Der​Westen​.de). Leider bildeten sie eher die Minderheit.

Die Krönung noch zum Schluss: Die „BZ“ beginnt ihren Artikel so: „ Dass manche Tiere eigene Sprachen beherrschen, wissen die Forscher schon lange – beispielsweise Delfine oder Affen. Aber, dass es Tiere gibt, die offenbar lesen können, ist neu. Psychologen der Universität Marseille schafften es, Pavianen das Lesen beizubringen“ – Und der Artikel schafft es damit, in drei Sätzen gleich drei Unwahrheiten zu schreiben. Da kann man sich dann wieder fragen, ob Lesen wirklich bildet.

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